Die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich (PUK) als Ikone der Psychiatriegeschichte – in welchem Zusammenhang steht das mit dem Thema Innovation?

Dieser Status ist Würde und Bürde zugleich: Ohne Frage haben wesentliche Entwick­lungen der modernen Psychiatrie am «Burghölzli» ihren Ausgang genommen. Eugen Bleuler und Carl Gustav Jung etwa stehen für markante Innovationen, indem sie die Einbindung psychotherapeutischer Methoden in die klinische Psychiatrie nicht nur for­derten, sondern auch praktizierten und erforschten. Es wäre jedoch abwegig, sich auf den Lorbeeren unserer Institutionsgeschichte auszuruhen. Denn Innovation resultiert nie aus blosser Bewunderung, sondern aus kritischer Analyse und konstruktivem Weiterdenken. Das Ikonenhafte der PUK ist somit auch künftig als Auftrag zu verstehen, eine dynamische und methodenkritische Entwick­lung der Psychiatrie zu fördern.

Was bedeutet «Weitsicht» in Bezug auf ein so komplexes medizinisches Ge­biet wie die Psychiatrie?

Weitsicht bedeutet hier insbesondere, die Komplexität des Fachs zu erkennen und zu respektieren, aber nicht vor ihr zu kapitulieren oder in Vereinfachungen zu flüchten. Daher heisst Weitsicht immer auch die gezielte Förderung von Interprofessionalität ohne Verlust der beruflichen Identität der einzelnen Beteiligten. 

Welche Bedeutung hat die aktive Auseinandersetzung mit Kritik für die zukünftige Identität des Fachs Psychiatrie bzw. Psychotherapie?

«Forschungsgegenstand» der Psychiatrie ist die psychisch erkrankte Person. Dadurch eröffnet sich uns ein enorm komplexes Feld mit einer biologischen, psychologischen und sozialen Dimension. Allein deshalb ist es nicht verwunderlich, sondern geradezu zu erwarten, dass es innerhalb der Psychiatrie sowie zwischen ihr und der Gesellschaft immer wieder zu konzeptuellen Spannungen und teilweise heftiger grundsätzlicher Kritik kommt. Dies kann für die in der Psychiatrie ar­beitenden Menschen – und natürlich auch für Patientinnen und Patienten – zu einer er­heblichen Herausforderung werden. Dennoch ist der offene, aktive und sachliche Um­gang mit Kritik der einzige Weg, wie sich eine wissenschaftliche Psychiatrie behaup­ten und damit ein wirksames Gegengewicht gegen Vereinfachung und Stigmatisierung bilden kann.

Weshalb bedarf speziell die Psychiatrie sowohl der historischen Perspektive als auch der weitsichtigen Prognose?

Psychiatrische Denkmodelle sind, im Vergleich zu vielen anderen medizinischen Fä­chern, besonders eng mit der gesamten gesellschaftlich-kulturellen Entwicklung ver­knüpft. Diese unterliegt einem kontinuierlichen Wandel über die Zeit. Daher ist die ideengeschichtliche Perspektive für ein vertieftes Verständnis unseres Fachs, aber auch für die Entwicklung tragfähiger Zukunftsperspektiven von grosser Bedeutung. Dies zeigt sich etwa bei der Abschätzung des Einflusses, den Megatrends wie die Digitalisierung auf die Psychiatrie haben werden.